Rover on tour

Logbuch


Brüssel

Belgien macht es uns schwer, hier Urlaub machen zu wollen. Der Kanal ist meist von abgewrackten Industrieanlagen gesäumt, Anlegen ist außerhalb von einzelnen „Marinas“ kaum möglich, in Brüssel gerät der Kanal zur Kloake. Der Verkehr ist minimal, da muss man wohl auch Wartezeiten vor beweglichen Brücken von einer Stunde hinnehmen. In Brüssel kommen wir im königlichen Yachthafen zwischen Autobahn und Müllverbrennungsanlage gut und sicher zu liegen. Auch der Fluglärm des nahen Flughafens erstirbt über Nacht. Da zahlt man doch gern 25 EUR. Genug geätzt. Mit der hochmodernen Straßenbahn fahren wir ins Zentrum und schnuppern eine Prise Großstadt. Außerhalb der Altstadt mit vielen Jugendstilgebäuden und anderen prunküberladenen Häusern eine Stadt wie viele. Ich denke, wir werden morgen nach Antwerpen weiterfahren. Erstaunlicherweise sieht man hier wieder richtig große Segelboote mit stehendem Mast – offenbar kommt man hier durch bewegliche Brücken bis in die Nordsee!

 

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Strépy-Thieu und Ronquières

Heute standen zwei ganz und gar außergewöhnliche Erlebnisse auf dem Reiseprogramm. Nach zwei Schleusen, von denen eine auch immerhin 15 m Hub aufweisen konnte, kamen wir an ein belgisches Kanalbauwerk der Sonderklasse: das Schiffshebewerk von Strépy-Thieu. Und das funktioniert so: man fährt mit dem Schiff in eine riesige Wanne, die dann vorn und hinten wohlverschlossen an starken Seilen 73 Meter (!) hochgehoben wird, während gegenüber eine gleichartige Wanne auf Abwärtsfahrt ist. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus.

Nach ein paar Kilometern das nächste Wunderwerk: die Schiefe Ebene von Ronquiéres. Hier haben sich die Ingenieure was anderes ausgedacht: man fährt wie gehabt in eine riesige Wanne. Diese wird jedoch nicht senkrecht angehoben bzw. abgesenkt, sondern auf Schienen an einer schiefen Ebene runtergelassen bzw. hochgezogen. Auf einer Länge von über 1,4 km werden so 68 Höhenmeter überwunden. Auf dem Kanal herrscht so wenig Verkehr, dass man die Wanne extra für uns von unten hochholt und wir ganz allein runterfahren. Das Kopfschütteln und Staunen setzt sich fort. Anschließend haben wir genug Abenteuer für heute erlebt und bleiben für die Nacht unten an dem technischen Wunderwerk. Im Übrigen bei Dauerregen.


Crewwechsel und Belgien

In Cambrai kommen Hilde und Bernd an Bord (alte Hasen auf Rover und kundige Belgienfahrer). Margrit fährt mit dem Auto von H+B planmäßig für ein paar Tage nach Hause, um dringenden Geschäften nachzugehen. Die Schleusenarbeit ist zunächst ungewohnt für die neue Crew, geht aber jedes Mal flüssiger von der Hand. In einer der Schleusen schert eine schwere private Peniche beim Ablegen soweit in unsere Richtung aus, dass einer unserer Fender aufgibt und mit lautem Knall platzt. Müssen wir als Schwund erstmal hinnehmen. Die Fendersituation an Bord wird langsam prekär – Anzahl und Qualität schwinden. So kommen wir schließlich nach zwei Tagen an die Grenze von Frankreich nach Belgien. Und endlich finden wir eine Gelegenheit zum Tanken: wir waren auch schon auf unsere letzten 200 Liter runter. Gerade als wir voll dabei sind, will direkt vor uns so ein 100-Meter-Frachter anlegen zum Tanken und parkt praktisch Zentimeter vor unserem Mast ein. So jagt bald ein Adrenalinschub den nächsten. An der Tankstelle kann ich erfreulicherweise zwei neue Fender erwerben – die Nachfrage bestimmt das Angebot! In der nächsten Schleuse geht es ca. 13 Meter aufwärts (Schwimmpoller!) und unser Barometer quittiert den Druckverlust mit aufgeregtem Piepen. Heute abend in Mons können wir mal wieder Anlegen bei heftigem Seitenwind üben, gefolgt von Gewitter und Regen. Wir erfahren, dass die historischen Schiffsaufzüge von 1888 im Canal du Centre zwar 2012 nach 10 Jahren wieder in Betrieb genommen wurden, allerdings seit April schon wieder kaputt sind. Naja, dafür gibt’s heute abend Nudeln mit Gorgonzolasoße.


Cambrai

Heute haben wir mit Cambrai auch das Ende des Canal de St. Quentin erreicht. Ohne Karte könnte man sich hier leicht verfahren, so viele Kanäle und Flussverbindungen gibt es. Das Highlight der letzten Tage waren natürlich die Tunnel auf der Scheitelstrecke des Kanals!

Der erste war ja noch vergleichsweise harmlos: etwas über einen Kilometer lang und beleuchtet. Schon spannend, aber langsam auch vertraut. Der zweite hatte es eher in sich: 5760 m lang und schnurgerade. Früher wurden die Lastkähne hier von Menschenkraft durchgetreidelt. Nachdem das nicht mehr zeitgemäß war und man die Kraft der Dampfmaschine kannte, versuchte man es mit Dampfschleppern, aber die Anzahl der erstickten Schiffer war zu hoch. Schließlich verfiel man vor hundert Jahren auf elektrisch betriebene Schleppschiffe (mit Oberleitung!), die sich an einer auf dem Kanalgrund liegenden Kette vorwärtsziehen. Und das ist heute immer noch so! Vor dem Tunneleingang werden Konvois gebildet, die Schiffe sind jeweils über 30 m lange Leinen verbunden und los gehts. Zweimal täglich pro Richtung. Fahrtzeit ca. 1,5 Stunden. Lustigerweise sind wir bei unserem „Konvoi“ das einzige Schiff. Unter lautem Kettengerassel nimmt der Schleppzug Fahrt auf und verschwindet im Tunnel. Steuern ist angesagt, Rover pendelt von einer Seite auf die andere, aber nicht zu schlimm. Die Gerüchteküche über diesen Tunnel war etwas adrenalintreibend gewesen. Aber alles geht gut und die Luft und das Licht am Ausgang tun richtig gut!