Robär fühlte sich schon seit langem ein wenig einsam. Nun erhörte der Himmel seinen Wunsch nach einer Gefährtin und siehe, der Hafen von Dordrecht gebar ein zunächst undefinierbares Pelztier, das offenbar schon länger im Wasser trieb. Nach sorgfältiger Entlausung und mehrfachen Waschgängen (zuletzt mit Shampoo) entschieden wir uns dafür, dass es ein weiblicher Bär sei (zugegebenermaßen mit langen Schlappohren und Hundepfoten) und nannten es (nein, nicht Conchita) Bärtha van Dordrecht. Wir hängten sie ein wenig grausam zum Trocknen am Halse auf, zogen ihr ihren ebenfalls frisch gewaschenen Anorak wieder an und führten sie nach ausführlichem Striegeln Robär zu. Er scheint ganz angetan – vielleicht werden sie ja ein Paar.
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Willemstad
Bei der Ausfahrt aus Antwerpen queren wir den gesamten Handelshafen für die Binnenschifffahrt. Ein unglaubliches Gewusel von Schiffsgiganten zwischen 100 und 200 m Länge. Alles kreuz und quer, weil überall Docks und Hafenbecken abzweigen, Schleusen sich öffnen oder Brücken über Nebenkanälen hochgezogen werden. Wir fühlen uns wie ein Mäuschen, das versucht, nicht unter die Füße von Elefanten zu kommen. Aber alles geht gut und an der Grenze des Hafengebietes fahren wir in die Schelde-Rijn-Verbinding ein und melden uns von Antwerpen Port Control ab (VHF Kanal 2). Sofort wird es ruhig und beschaulich und in Tholen finden wir in einem typisch holländischen kleinen Dorf einen schönen Übernachtungsplatz. Bei der Weiterfahrt verlassen wir bald diesen modernen Kanal für die Grossschifffahrt und kommen in den (das?) Volkerak, eine weite freie Wasserfläche, wo zwischen den zahlreichen Binnenschiffen fleißig gesegelt wird. Eine letzte Schleuse (voller Segelboote) bringt uns in das Hollandsdiep, das offenbar die Mündung von Rhein und Maas darstellt. Unser nächster Hafen heißt Willemstad und quillt über vor polierten Segel- und Motorbooten … die Hauptsaison hat uns eingeholt. Einige der Boote würden auch im Mittelmeer was hermachen und wir fühlen uns mit unserem etwas mitgenommenen Rover ein bisschen fehl am Platz.
Antwerpen
Eine letzte Seeschleuse entlässt uns aus dem Kanal in die Schelde und damit in ein Tidenrevier, das der Außenweser nicht unähnlich ist. Natürlich haben wir prompt auflaufendes Wasser und damit Gegenstrom. Egal. Alles fühlt sich anders an: die Weite, die Seeluft, die Wellen. In Antwerpen wissen wir zunächst nicht, wohin. Unsere Karten sind zu ungenau, eingezeichnete Schleusen sind teilweise nur Wehre, die bei Wassergleichstand öffnen. Die Wasserschutzpolizei (!) hilft uns mit etwas konkreteren Angaben auf die Sprünge und wir landen im Herzen Antwerpens, im alten Hafen von Willemdok. Besser hätten wir es nicht treffen können. Die Stadt entpuppt sich als echtes Highlight: quirlig, vielseitig, bunt und kulturell. Von dem neuen Museum an de Stroom (MAS) direkt am Hafen (phantastische Architektur) kriegen wir unter andere einen guten Überblick über Antwerpen.
Brüssel
Belgien macht es uns schwer, hier Urlaub machen zu wollen. Der Kanal ist meist von abgewrackten Industrieanlagen gesäumt, Anlegen ist außerhalb von einzelnen „Marinas“ kaum möglich, in Brüssel gerät der Kanal zur Kloake. Der Verkehr ist minimal, da muss man wohl auch Wartezeiten vor beweglichen Brücken von einer Stunde hinnehmen. In Brüssel kommen wir im königlichen Yachthafen zwischen Autobahn und Müllverbrennungsanlage gut und sicher zu liegen. Auch der Fluglärm des nahen Flughafens erstirbt über Nacht. Da zahlt man doch gern 25 EUR. Genug geätzt. Mit der hochmodernen Straßenbahn fahren wir ins Zentrum und schnuppern eine Prise Großstadt. Außerhalb der Altstadt mit vielen Jugendstilgebäuden und anderen prunküberladenen Häusern eine Stadt wie viele. Ich denke, wir werden morgen nach Antwerpen weiterfahren. Erstaunlicherweise sieht man hier wieder richtig große Segelboote mit stehendem Mast – offenbar kommt man hier durch bewegliche Brücken bis in die Nordsee!
Strépy-Thieu und Ronquières
Heute standen zwei ganz und gar außergewöhnliche Erlebnisse auf dem Reiseprogramm. Nach zwei Schleusen, von denen eine auch immerhin 15 m Hub aufweisen konnte, kamen wir an ein belgisches Kanalbauwerk der Sonderklasse: das Schiffshebewerk von Strépy-Thieu. Und das funktioniert so: man fährt mit dem Schiff in eine riesige Wanne, die dann vorn und hinten wohlverschlossen an starken Seilen 73 Meter (!) hochgehoben wird, während gegenüber eine gleichartige Wanne auf Abwärtsfahrt ist. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus.
Nach ein paar Kilometern das nächste Wunderwerk: die Schiefe Ebene von Ronquiéres. Hier haben sich die Ingenieure was anderes ausgedacht: man fährt wie gehabt in eine riesige Wanne. Diese wird jedoch nicht senkrecht angehoben bzw. abgesenkt, sondern auf Schienen an einer schiefen Ebene runtergelassen bzw. hochgezogen. Auf einer Länge von über 1,4 km werden so 68 Höhenmeter überwunden. Auf dem Kanal herrscht so wenig Verkehr, dass man die Wanne extra für uns von unten hochholt und wir ganz allein runterfahren. Das Kopfschütteln und Staunen setzt sich fort. Anschließend haben wir genug Abenteuer für heute erlebt und bleiben für die Nacht unten an dem technischen Wunderwerk. Im Übrigen bei Dauerregen.
